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20.11.2014

Bericht Rhein-Zeitung vom 20.11.2014

Killerkeime auf dem Vormarsch. Gesundheit: Niederlande gelten als Vorbild – Wer trägt Mehrkosten? – Auch Kliniken in der Pflicht

Rheinland-Pfalz/Berlin. Beim Thema Gesundheit blicken die Deutschen gern neidisch in die Niederlande. Das gilt auch bei der Krankenhaushygiene: Im Nachbarland treten MRSA-Keime um ein 20-Faches seltener auf als in Deutschland. Verantwortlich dafür sind zwei Komponenten: Erstens setzen die Holländer Antibiotika seit Jahren in ihren Kliniken sparsamer und kontrollierter ein. Viele der Krankenhauskeime sind gegen gleich mehrere der Antibiotika resistent, weshalb eine Infektion gerade bei älteren Patienten oder Schwerkranken tödlich enden kann. Jede Klinik hat in den Niederlanden einen eigenen Chefarzt für Mikrobiologie, der zusammen mit anderen Hygieneexperten allein darüber entscheidet, wie viele Antibiotika eingesetzt werden. Zweitens hat jede Klinik eine eigene Isolierstation, auf der zunächst alle Risikopatienten landen. Dazu gehören unter anderem alle Patienten, die zuvor im Ausland behandelt wurden. Erst wenn ein Test zweifelsfrei ergeben hat, dass diese Patienten keinen Krankenhauskeim in oder an sich tragen, werden sie aus der Quarantäne entlassen. Überdies wird in den Niederlanden generell jeder Patient vor der Aufnahme auf Keime getestet.

100-prozentiges Screening 
Auch in Rheinland-Pfalz gibt es bereits Krankenhäuser, in denen es ein nahezu 100-prozentiges Screening von Neupatienten gibt. Dazu gehören etwa die fünf Kliniken des Landeskrankenhauses in Andernach. Laut dessen Geschäftsführer Gerald Gaß besteht derzeit nur eine Pflicht zum Keimtest bei sieben bis acht Risikogruppen. Dazu gehören vor allem Patienten, die zuvor auf einer Intensivstation gelegen haben, in einem Altenheim waren oder in der Tiermast arbeiten, weil dort oft viele Antibiotika eingesetzt werden und sich deshalb Resistenzen herausgebildet haben können. Gaß hat dieses Screening in seinen Häusern auf alle Fachabteilungen ausgedehnt, bei denen die Entdeckungsrate bei mehr als 3 Prozent liegt, wie etwa in der Frühreha Neurologie. Bei psychiatrischen Fällen liege diese Rate indes bei 1 bis 3 Prozent. Hier werde deshalb niemand vorab untersucht. Gaß wünscht sich, dass sich alle Krankenhäuser im Land dieser Praxis anschließen, er weiß jedoch um die Kosten, die das mit sich bringt. Die wenigsten Kliniken seien dazu in der Lage, vielen fehlen auch die baulichen Voraussetzungen. So hat laut Gaß selbst das gerade im Bau befindliche Gesundheitszentrum Glantal in Meisenheim gerade einmal zwei Zimmer mit Schleusenfunktion. Schließlich müssten mit Krankenhauskeimen infizierte Patienten oft isoliert werden, was die Bettenzahl reduziere und damit auch die Einnahmen schmälere. „Diese Patienten brauchen mehr Platz und deutlich mehr Körperpflege.“ Gaß sieht daher sowohl das Land gefordert, das für die Infrastruktur der Kliniken zahlt, als auch die Kassen, die für die Behandlung der Patienten aufkommen.

Starke Zunahme an Fällen
Klar ist, dass es auch im Land erheblichen Handlungsbedarf gibt. Das belegen die von „Zeit“, „Zeit Online“ und „Correct!V“ recherchierten Zahlen über Diagnosen von Krankenhauskeimen in Rheinland-Pfalz. Zwar liegt das Land bei den meisten Keimdiagnosen unter dem Bundesschnitt. Allerdings gibt es in vielen Kreisen eine starke Zunahme und Häufung von Fällen der Killerkeime. Dies gilt für die am weitesten verbreiteten MRSA-Keime etwa für die Kreise Mayen-Koblenz (plus 46 Prozent im Vergleich zu 2010), Rhein-Hunsrück (plus 58 Prozent) und Cochem-Zell. (plus 75 Prozent). Bei VRE-Keimen gibt es starke Zunahmen unter anderem in Koblenz (plus 400 Prozent) sowie im Rhein-Lahn-Kreis und Cochem-Zell (je plus 233 Prozent). Dabei ist zu bedenken, dass die Zahlen sich nicht auf die Kliniken in den jeweiligen Kreisen beziehen, sondern auf die Patienten – Rückschlüsse auf einzelne Krankenhäuser lassen sich also nicht ziehen. Überdies handelt es sich bei den Keimen MRSA, VRE und ESBL um Diagnosen, die Ärzte bei einem Patienten auch mehrfach gestellt haben können. Nur bei der Kategorie MRE – hier geht es um Isolierungen wegen der Infektion durch einen oder mehrere Keime – handelt es sich um Fälle einzelner Patienten. Gefordert sind beim Thema Krankenhauskeime allerdings auch die Kliniken selbst, räumt Gerald Gaß ein. Hier ist in den vergangenen Jahren einiges passiert. So gibt es beispielsweise die Aktion „Saubere Hände“. Hintergrund ist, dass die Keime zum größten Teil über die Hände übertragen werden. Kliniken, die dem Bündnis beigetreten sind, verpflichten sich, bei bestimmten Tätigkeiten im Klinikalltag auf das Reinigen der Hände durch alkoholhaltige Desinfektionsmittel zu achten. Auf Intensivstationen sollen etwa an jedem Patientenbett Desinfektionsspender für die Hände vorhanden sein. Hinzu kommen jährliche Schulungen der Mitarbeiter. Allerdings beteiligen sich derzeit laut Techniker Krankenkasse in Rheinland-Pfalz nur 45 von 91 Krankenhäusern an dieser Aktion. Außerdem gibt es zum Teil regionale Netzwerke, in denen Kliniken gemeinsam gegen die Keime kämpfen. Rechnet man diese Aktionen dazu, engagieren sich auch nur 58 Häuser im Land. Experten wie Hardy Müller, Geschäftsführer des Aktionsbündnisses Patientensicherheit, hoffen, dass die neu entbrannte Diskussion um Klinikkeime jetzt einiges in Bewegung bringt. „MRSA ist das Flaggschiff im Bereich Patientensicherheit.“ Tatsache sei, dass das geplante Präventionsgesetz der Großen Koalition, das den Kassen Mehrausgaben von 250 Millionen Euro abverlangt, über Patientensicherheit nicht ein Wort verliere. Müller will beim Thema Klinikkeime nicht so gern über Pflichten von Kliniken sprechen. Vielmehr wünscht er sich, dass in den Krankenhäusern endlich eine „Kultur der Sicherheit“ entsteht, „bei der völlig klar ist, dass ethisch verantwortlich arbeitende Kliniken Menschen keinen Schaden zufügen dürfen“.

Von unserem Redakteur Christian Kunst

 

Das sind die gefährlichen Erreger

Hintergrund Was sich hinter den Abkürzungen MRSA, ESBL, VRE und MRE verbirgt

Berlin. Es ist der Albtraum eines jeden Patienten: Statt das Krankenhaus oder die Arztpraxis gesünder zu verlassen, als man sie betreten hat, infiziert man sich mit einer neuen Krankheit. Besonders Keime, die meist über verunreinigte Hände übertragen werden, sind eine Gefahr – vor allem, wenn sie gegen Antibiotika resistent sind. Gerade abwehrgeschwächte Menschen sind gefährdet, warnen Fachleute. Das Gros der Keime, die Infektionen auslösen, sind zunächst harmlose Bakterien, mit denen viele Menschen besiedelt sind. Geraten diese zumeist im Darm vorkommenden Keime jedoch in Blutbahn, Blase oder Lunge, wird es gefährlich. Rund 90 Prozent der Infektionen rühren von Keimen her, die mit einem Antibiotikum wirksam bekämpft werden können. Problematischer sind Erreger, die Resistenzen entwickelt haben. Das geschieht Medizinern zufolge unter anderem, weil Antibiotika in der Tiermast, aber auch bei Menschen zu häufig und nicht zielgenau verabreicht werden. Denn dadurch werden zwar diejenigen Bakterien, die auf die Antibiotika reagieren, abgetötet. Die Bakterien jedoch, die resistent gegen das Antibiotikum sind, können sich umso konkurrenzloser vermehren. Die Keime, zu denen „Zeit“, „Zeit Online“ und „Correct!V“ neue Fallzahlen recherchiert haben, sind gleich gegen mehrere Antibiotika resistent, sprich multiresistent: MRSA (Methicillin-resistenter Staphylococcus aureus) ist eine resistente Bakterienart, die sich gleichzeitig mit der Verbreitung von Antibiotika seit den 1960er- Jahren vermehrt. Sie ist gegen alle sogenannten Beta-Lactam-Antibiotika resistent, das heißt gegen Antibiotika, die in ihrer Struktur auf Penicillin zurückgehen. In der Regel sind MRSA-Bakterien auch gegen weitere Antibiotika resistent, also multiresistent. Daher verwenden einige die Abkürzung MRSA auch für Multiresistenter Staphylococcus aureus. Etwa 3 bis 5 Prozent der Krankenhauserreger sind Stämme dieser auf Haut und Schleimhaut lebenden multiresistenten MRSA-Bakterien. Seit 2009 besteht eine Meldepflicht für MRSA-Infektionen. Jedoch müssen nur diejenigen Infektionen gemeldet werden, die in Blut oder Rückenmark nachgewiesen wurden. Viele bleiben so unerkannt, da sie nur an der Haut festgestellt werden. ESBL (Extended-Spectrum-Beta-Lactamasen) sind Enzyme, die Beta-Lactam-haltige Antibiotika spalten können. Sogenannte ESBL-bildende Bakterien sind gegen diese Antibiotika somit resistent. Wie auch andere antibiotikaresistente Bakterien sollten sie möglichst breit mit Carbapenemen behandelt werden. Carbapeneme gehören zu der Gruppe der Beta-Lactam-Antibiotika. Da ihre Grundstruktur eine hohe Widerstandskraft gegen die zerstörerischen Enzyme der Bakterien aufweist, werden sie als Reserveantibiotika genutzt, wenn herkömmliche Antibiotika nicht mehr wirken. Wegen starker Nebeneffekte werden sie ausschließlich bei schwer beherrschbaren Infektionen eingesetzt. VRE (Vancomycin-resistente Enterokokken) sind mit Streptokokken verwandte Bakterien, die gegen das Reserveantibiotikum Vancomycin und weitere Antibiotika resistent sind. Daher sind die Therapiemöglichkeiten bei VRE eingeschränkt. Dieser Keim hat 2012 für Schlagzeilen gesorgt, als sich 14 Frühchen im Jenaer Universitätsklinikum damit infiziert hatten. MRE (Multiresistente Erreger) ist der übergreifende Begriff für MRSA, ESBL, VRE und weitere multiresistente Keime. In den hier ausgewerteten Daten sind damit die Fälle gemeint, in denen ein Patient wegen der Infektion mit einem oder auch mehreren Keimen im Krankenhaus isoliert behandelt werden musste. 

dpa/Zeit/job