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10.02.2015

Bericht Rhein-Zeitung vom 10.02.2015

Händeschütteln tabu: Interview mit Koblenzer Kinderarzt   Koblenz. Dr. Thomas Nüßlein, Chefarzt der Kinder- und Jugendmedizin am Koblenzer Kemperhof, will in den Krankenhäusern eine Art Kulturrevolution auslösen.

Ärzte sollen ihren Patienten nicht mehr die Hand geben. Der Grund: Ein Händedruck gilt als häufigste Ursache für die Übertragung gefährlicher Keime. Mit der Aktion "Touch hearts, not hands" will der Arzt am Gemeinschaftsklinikum Mittelrhein dafür werben, "dass eine sehr enge Beziehung zwischen Ärzten, Kindern und Eltern entstehen kann, ohne dass man sich die Hand gibt", sagt er im Interview mit unserer Zeitung.

In Deutschland sterben laut aktuellen Recherchen deutlich mehr Menschen an multiresistenten Keimen als bislang angenommen - mehr als 30 000 Patienten. Haben Sie die Zahlen überrascht?

Natürlich überraschen und beunruhigen mich die Zahlen gewaltig, auch wenn sie nicht bedeuten, dass man sich mit diesen Keimen nur in Krankenhäusern infizieren kann. Natürlich wird die Übertragung in einer Klinik begünstigt, weil dort viele Kranke zusammenkommen. Unter den Patienten, bei denen wir eine Besiedlung mit Keimen feststellen, sind aber immer mehr Kinder, die niemals in einem Krankenhaus gewesen sind. Dafür gibt es viele Quellen: eine mögliche sind Altenheime.

Wie bekommen Kinder dort multiresistente Keime?

Durch enge Kontakte. Maßgeblich sind dabei meist die Hände. Ein Beispiel ist: Oma und Opa husten im Altenheim in die Hand und stecken dem Säugling danach den Schnuller in den Mund. Da reichen wenige Bakterien aus, um die Keime untereinander auszutauschen. 

Macht der Kemperhof ein totales Screening von Neupatienten? 

Ja. Wir haben in der Kinderklinik ein 100-prozentiges Screening. Dies geschieht in zwei Stufen: Zunächst stellen wir Fragen, um Risikogruppen zu identifizieren. Diese Fragen sind großzügig formuliert. Dabei rutscht man schnell ins Raster. Zur Risikogruppe gehört etwa, wer Kontakte zur Medizinwelt hat, wer zuvor schon einmal in einem Krankenhaus war oder Verwandte im Altenheim hat. Wer in das Raster fällt, bei dem wird als Nächstes ein Abstrich gemacht. Es werden die Stellen untersucht, wo sich solche Bakterien üblicherweise befinden. Der Rachen- und Nasenraum ist für den MRSA-Keim eine entscheidende Stelle. Andere Bereiche sind dort, wo wenig Bewegung ist, es ein wenig feucht ist und es eine angenehme Körpertemperatur gibt. Achselhöhlen sind eine typische Stelle.

Viele Kliniken im Land scheinen dieses 100-prozentige Screening nicht zu machen. Warum ist das so?

Das sollten die Kliniken allerdings schon im eigenen Interesse tun. Wenn ein Patient mit multiresistenten Keimen besiedelt ist, wird er selbst in aller Regel gar nicht krank davon, aber es ist sehr anstrengend und kostenintensiv, diesen Patienten gut zu versorgen, weil man mit Ganzkörperschutz - Kittel, Mundschutz und Kopfhaube - arbeiten muss, was für Personal und Patient sehr unangenehm ist. 

Was macht der Kemperhof, um zu verhindern, dass in der Klinik eine Infektion stattfindet? 

Was wir schon lange machen, ist die Kohortierung oder Abgrenzung von Patienten. Im Idealfall legen wir Patienten, die wahrscheinlich oder sicher mit einem solchen Erreger besiedelt sind, in Einzelzimmer oder in kleine Gruppen mit identischer Besiedelung. Wichtig ist, dass nicht die Anwesenheit im selben Raum gefährlich ist, sondern der unbedachte Umgang mit den Händen. Wenn sich also zwei Kinder mit den jeweiligen Eltern in einem Zimmer befinden, entsteht leicht eine Situation, bei der die eine Mutter den Schnuller dem anderen Kind in den Mund schiebt. Damit ist ein Austausch von Bakterien relativ einfach möglich.

Wie wollen Sie die Berührung mit den Händen verhindern?

Man muss immer wieder an die Hände denken. Wo habe ich sie, und was mache ich damit? Den Schnuller eines anderen Kindes lasse ich lieber liegen oder sage der anderen Mutter, dass er heruntergefallen ist. Wenn der Reflex kommt, dass man helfen will, sollte man sich für einen Moment besinnen. Es gilt in der Medizin wie auch im sonstigen Leben das Pareto-Prinzip: Mit 10 Prozent Aufwand kann man 90 Prozent Nutzen erreichen. Alles, was man an zusätzlichem Nutzen haben möchte, kostet deutlich mehr Aufwand. Daher kann man mit der Händehygiene die Übertragung von Keimen in starkem Maße ausschließen. 

Aber als Arzt können Sie Händekontakt doch nicht ganz vermeiden. 

Natürlich nicht. Wir müssen Patienten abhören, ihnen in Mund und Ohren schauen oder Hautstellen inspizieren. Das heißt: Wir werden weiter Kontakte zu Patienten haben. Aber das gedankenlose Händeschütteln müssen wir unterbinden. 

Es gab zuletzt sehr schwerwiegende Keiminfektionen in Kinderkliniken in Bremen oder Mainz. Ist dies auch in Koblenz denkbar? 

Das ist an jeder Stelle dieser Welt an jedem Tag möglich. Ein minimales Restrisiko besteht überall. In Mainz hat sich letztlich herausgestellt, dass Ursache für die Infektion Mikrorisse in den Infusionsflaschen waren. Das ist etwas, was sich trotz aller Vorsichtsmaßnahmen nicht verhindern lässt. Wir müssen das Risiko minimieren, indem wir die wenigen bekannten Übertragungswege ausschließen. 

Wie kann das bei sehr kleinen Kindern funktionieren? 

Zunächst sollte man streng zwischen der Situation im Krankenhaus und dem normalen Alltag trennen. In einem Kindergarten weiß man, dass Kinder im ersten und zweiten Winter eine große Zahl von Virusinfekten austauschen. Das kann und will man überhaupt nicht verhindern, weil die Natur das so vorgesehen hat. Kinder brauchen vielleicht sogar ein Minimum an Virusinfektionen. Anders ist dies in der medizinischen Welt. Hier steuern Erwachsene, Eltern und medizinisches Personal viel mehr die Abläufe. Direkter Hautkontakt von Patient zu Patient lässt sich damit einfach vermeiden, wenn man immer wieder daran erinnert wird. 

Wie kostenintensiv ist das?

Das lässt sich allenfalls hochrechnen. Wir können aber umgekehrt berechnen, was es kostet, wenn ein Patient tatsächlich an einem Keim erkrankt. Das ist deutlich teurer als die Maßnahmen zum Schutz der Patienten vor Keimen.

Und wird kaum bezahlt? 

Nein. Größtenteils nicht. Einige Leistungen in diesem Bereich werden mittlerweile zwar erstattet. Man kann zum Beispiel den MRSA-Keim sehr aufwendig beseitigen. Dafür braucht man ein Set zum Gurgeln, Nasensalbe und Händedesinfektion. Diese Sets werden mittlerweile von den Kassen bezahlt. Das deckt aber nicht die Kosten. Doch für uns gilt: Erst kommt die Medizin, dann das Geld. 

Aber müsste das Thema Keime nicht stärker bei der Finanzierung der Kliniken berücksichtigt werden? 

Es gibt über die Diagnosen mittlerweile gewisse Finanzierungsmöglichkeiten. Bei den Fallpauschalen werden multiresistente Erreger mittlerweile berücksichtigt. Hat ein Patient etwa eine Lungenentzündung, die auf einen multiresistenten Keim zurückzuführen ist, dann wird die Behandlung anders honoriert als eine Erkrankung, die durch einen Allerweltskeim ausgelöst wurde. 

Früher hat man gesagt: Wenn jemand einem die Hand gibt, dann sind es Pastoren und Doktoren. Warum wollen Sie Patienten jetzt nicht mehr die Hand geben? 

Gerade wir Ärzte kommen theoretisch als Überträger von Erregern infrage, weil wir an manchen Tagen mit bis zu 150 Menschen zu tun haben, von denen ein Großteil krank ist. Es besteht also eine hohe Wahrscheinlichkeit, dass die Bakterien auf uns übertragen werden. Wenn wir dann noch gedankenverloren, ohne uns vorher die Hände zu desinfizieren, schnell zum Nachbarbett gingen, wären wir ein großes Risiko. Zudem müssen wir eine Vorbildrolle einnehmen. 

Wann haben Sie begonnen, Patienten nicht mehr die Hand zu geben? 

Ich behandele auch Patienten mit Mukoviszidose - eine Erkrankung, bei der man eine chronische Lungeninfektion bekommen kann. Bei ihnen haben wir schon vor fünf oder sechs Jahren beschlossen, dass wir uns nicht mehr die Hände geben. Dabei hatte ich ein Schlüsselerlebnis: Ich wollte mal einem Vater die Hand schütteln, dessen Kind keine Mukoviszidose hatte. Der war entrüstet, weil ich den Mukoviszidose-Patienten und ihren Angehörigen nicht die Hand gab. Da habe ich gedacht: Wir sollten dies nicht auf eine kleine Gruppe von Hochrisikopatienten beschränken, sondern auf alle ausweiten. 

Ist das eine Art Kulturrevolution?

Ich fürchte ja. Und ich gestehe, dass auch mir etwas fehlt, wenn ich Menschen nicht die Hand geben kann. Bei der Begrüßung sorgt der Händedruck für eine gute Gesprächsatmosphäre. Und bei der Verabschiedung ist es eine sehr tief verankerte Form, sich gegenseitig zu vergewissern, dass man einen Konsens erzielt hat. Auf all dies verzichten wir jetzt. Das erfordert einen lauten Ruf. Wenn wir das nur ganz leise und verschämt getan hätten, würde es uns deutlich schwerer fallen, dies flächendeckend umzusetzen.

Stoßen Sie auf Widerstände? 

Nein. Es gab und gibt schon mal einen überraschten Blick. Wenn man aber erklärt, dass es nichts mit Unhöflichkeit zu tun hat, sondern es um die Gesundheit des Kindes und seiner Eltern geht, ist sofort ein Strahlen im Gesicht. Das steckt an. Beim nächsten Mal sind es vielleicht diese Menschen, die mich daran erinnern, dass ich ihnen nicht die Hand geben sollte. 

"Touch hearts, not hands" bedeutet, dass Sie die eine Gefühlsregung gegen die andere austauschen. Wie berührt man Herzen? 

Man kann im wahrsten Sinn die Hand zum Herzen führen. Das ist in anderen Kulturkreisen ein sehr verbreiteter Gruß. Wir wollen aber auch zeigen, dass eine sehr enge Beziehung zwischen Ärzten, Kindern und Eltern entstehen kann, ohne dass man sich die Hand gibt. Der Arzt kann trotzdem die Herzen der Menschen erreichen. 

Müssen Sie deshalb noch mehr Mitgefühl zeigen? 

Nein. Wer sich mit Mitte 20 entscheidet, Arzt zu werden, der merkt sehr schnell, dass er in Schwierigkeiten gerät, wenn er die Menschen nicht mit dem Herzen berühren kann. Gerade in der Kinderheilkunde erleben wir drastisch, dass uns viel eher ein schreiendes Kleinkind gegenübersteht, wenn wir abgelenkt und unkonzentriert, also nicht mit dem Herzen dabei sind. 

Sollten auch Hausärzte Patienten nicht mehr die Hand geben? 

Ja. Wir sollten aber nicht in der medizinischen Welt haltmachen. Auch eine Behörde oder ein Altenheim würde großen Nutzen daraus ziehen. Dort gibt es vermutlich noch viel mehr Kontakte als in einer Klinik. Wer in einem Bürgerbüro arbeitet, weiß, dass er häufiger erkältet ist als andere Menschen. 

Wie stark lässt sich das Infektionsrisiko senken, wenn Ihre Aktion flächendeckend umgesetzt würde?

Bei Beachtung aller Hygieneregeln wären 100 Prozent möglich. Es gibt im Alltag nur drei mögliche Bei Beachtung aller Hygieneregeln wären 100 Prozent möglich. Es gibt im Alltag nur drei mögliche

Übertragungswege: Der häufigste ist die Tröpfcheninfektion, das heißt Niesen, Husten und Lachen. Dabei entstehen ganz kleine Tröpfchen, die man oft nicht sehen kann, die aber nach einem Meter auf den Boden fallen. Wenn man also diesen einen Meter Abstand hält, gibt es dieses Risiko der Infektion nicht. 

Zweitens gibt es eine ganz kleine Gruppe von Erkrankungen, die über noch feinere Nebeltröpfchen übertragen werden, die eine größere Entfernung zurücklegen können. Bekanntestes Beispiel sind die Windpocken. Früher meinte man, dass sie über den Wind übertragen werden. Diese Art der Ansteckung wird man oft nicht vermeiden können. Anders ist dies bei der dritten Übertragungsart - der über die Hände. Wenn man sich die Hände gar nicht erst gibt oder - wenn dies nicht anders möglich ist - sehr genau auf die Hygiene achtet und sich die Hände desinfiziert, dann hat man eine sehr gute Chance, sich nicht anzustecken. 

Das Gespräch führte Christian Kunst

Quelle: http://www.rhein-zeitung.de